Fleche Wallone

Nach 25 Jahren: Hankas packende Erinnerungen an ein großartiges Rennen

"Fleché Wallone  - einer DER Eintagesklassiker in Belgien, der in der Entwicklung des Frauenradsports eine besonders positive Rolle einnimmt: Beim Fleché Wallone wurde bereits vor 25 Jahren das Frauenrennen am gleichen Tag wie das Rennen der Männer ausgetragen. Ein riesengroßer Gewinn für die Sichtbarkeit des Frauenradsports! Während wir Frauen bei anderen Rennen einsam und von Zuschauern und Medien unbeachtet die Wettkämpfe ausgefahren haben, standen beim Fleché Wallone tausende Fans am Rand und haben uns angefeuert und zugejubelt. Auch einige Minuten Übertragungszeit im belgischen TV waren garantiert.  „Gänsehaut und Emotionen, die ich bis heute noch spüren kann - hier konnten sich die Frauen, mal kurz wie Profis fühlen - auch wenn es bis zu allen anderen Profi Bedingungen noch ein sehr langer Weg sein sollte…

Mich hat diese Atmosphäre damals zu einem grandiosen Sieg getragen. Bei typisch „belgischem Wetter“ mit 4 bis 5 Grad, Regen, Hagel und Wind, damals noch mangelhafter Kleidung und Bedingungen vor und nach dem Rennen, die wohl heute kein Topathlet mehr mitmachen würde."
 

 

Hier meine ganz persönliche Erinnerungen an Fleche Wallone 1999:

 

Es war der vierte Welt Cup im Jahr nach Australien, Neuseeland und Mailand. Der Fleché Wallone war eines der wenigen Rennen, bei dem wir Frauen in der gleichen Rennatmosphäre wie die Männer fuhren.

 

Zwei Stunden vor den Männern kamen wir ins Ziel an der berühmten „Mauer von Huy.“ Hier standen mehrere tausend Zuschauer, die uns frenetisch anfeuerten. Mit fast 110 Kilometer war das Frauenrennen für damalige Verhältnisse lang. Wir starteten bei 4-5° und nach 20 km setzte der erste Regenschauer ein, richtiges Aprilwetter. Gefolgt von Hagel und Wind war es wirklich ein sehr schweres Rennen durch die belgischen Berge.

 

Sobald der Regen einsetzte, machte mein Team Druck. Wir wollten einfach nicht kalt werden! Regenjacken sahen vor 25 Jahren anders aus als heute und auch die Handschuhe waren wenig funktionell. Fast jede Fahrerin hatte am Ziel zumindest eiskalte Hände.

 

Durch das hohe Tempo und viele Attacken waren wir 20 Kilometer vor dem Ziel eine Gruppe von 20 bis 30 Fahrerinnen. Ich hatte noch zwei Team Kolleginnen dabei und die fuhren mich bis an den Zielberg, die berühmte "Mur de Huy", ran, wo ich dann die Führung übernahm. Dann fuhr ich meinem Tempo Meter für Meter in diese steile Wand in der Hoffnung, dass ich oben wenigstens als Fünfte, wie im Vorjahr, ankomme.

 

Das steilste Stück war überwunden (ich fuhr eine Übersetzung von 39/27) und rechnete jeden Moment damit, dass die Bergfahrinnen an mir vorbeiziehen. Es war so schwer, dass ich mich heute noch genau an die letzten Meter erinnere … das Blut rauschte dem in den Ohren und der Lärm der Zuschauer war wie eine Wand , wie ein Tunnel ….ich sah einzelne Gesichter  ganz klar und dann wieder alles verschwommen. Push Push Push … ich war fast oben. Mein Gesicht war eiskalt und brannte, die Regentropfen stachen wie Nadeln auf der Haut . Meine Hände waren taub vor Kälte und ich wagte nicht, mich um zu schauen.

 

Bei der 100 Metermarke glaubte ich, dass ich es auf das Podium schaffen kann. Die Beine brannten. Ich erreichte die 50 Metermarke und schaute kurz unter meinen Arm nach hinten und sah erst da, dass ich Vorsprung hatte! Nun realisierte ich, dass ich Fleche Wallone gewinne - was für ein unglaubliches Gefühl! Damit hatte niemand gerechnet - ich selbst am wenigsten!

 

 

Heute unfassbar ….

… nach der Zieldurchfahrt begann die Suche nach dem Teamfahrzeug und nach etwas Warmen zum Anziehen. Wir hatten keine separaten Betreuer, die mit einem Rucksack voll nützlicher und wärmender Dinge im Ziel auf uns warteten. Als ich Minuten später immer noch niemanden fand, zerrte auch schon jemand an meinem Arm und zog mich nun Richtung Podium, wo ich eine gefühlte Ewigkeit schlotternd auf die Siegerehrung wartete. Zum Glück sprudelten noch allerhand Glückshormone durch meinen Körper und ich spürte die Eiseskälte noch nicht. Irgendeine Decke wurde mir umgehängt bis kurz vor dem Moment der Siegerehrung - Bernard Hinault übergab mir den Preis, was immer es war, und ich zwang mich noch zu zwei Minuten Lächeln.

 

Danach zitterte ich unkontrolliert vor Kälte und kam kaum auf mein Rad - es sollte es noch lange dauern bis ich warm und trocken war und mein Teamfahrzeug fand, in dem, wie ich mich erinnere, alle Mädels vor Erschöpfung und Kälte Tränen im Gesicht hatten. Ich musste noch zur Dopingkontrolle und weiß nur, dass ich dort nur mit Mühe den Becher und den Stift halten konnte. Selbst das Reden fiel mir ganz schwer - so verfroren war ich.  Später hatte ich die längste Dusche meines Lebens - verbrachte wohl 40 Minuten unter dem warmen Wasserstrahl. Der Tag war noch nicht vorbei  - es ging nämlich direkt ins Auto:  sieben Stunden zurück Richtung Berlin. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich nicht sogar eines der Fahrzeuge selbst fahren musste.

 

Nichts mit Siegesfeier und Party  - aber das war ich ja gewohnt. 😉“

 

 

Mit Begeisterung sehe ich die Entwicklung des Frauenradsports heute. Was vor 25 Jahren noch die große Ausnahme war, ist heute die Regel. Viele wichtige Frauen- und Männerrennen werden taggleich ausgetragen, es findet eine Berichterstattung zu beiden statt, die Sichtbarkeit und damit auch die wirtschaftliche Grundlage der Sportlerinnen verbessert sich damit zunehmend.

 

Danke, Fleche Wallone, ASO für diese Pionierleistung für den Frauenradsport!

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